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Kulturgeschichten

Zum Umgang mit dem Fremden in der musikpädagogischen Diskussion
Dorothee Barth
 Musik & Bildung 6/2000

Intro
„Kultur" und „Musikkultur“ als soziale Praxis
Stories über die eigene Musikkultur
Story Nr. 1: Die Deutschen als Träger des „abendländischen Kulturerbes“
Stories Nr. 2 und 3: Eine populäre Geschichte aus der Musikwissenschaft und ihre Gegendarstellung
Story Nr. 4: Musikgeschichte als Geschichte des musikalischen Stils
Zwischenbilanz
Folgerungen für den Musikunterricht
Zitat
Anmerkungen
Gesamtbeitrag

Wer sich mit fremden Kulturen beschäftigt, lernt auch die eigene Kultur neu zu sehen – so lautet ein Grundsatz der interkulturellen Bildung. Der „verfremdete“ Blick auf die eigene Kultur soll ihre Normen, Werte und Traditionen relativieren. Er soll in Frage stellen, was vorher für normal und selbstverständlich gehalten wurde; er soll Möglichkeiten zeigen, wie die Welt auch anders gedeutet und interpretiert werden kann. Doch allein durch die Beschäftigung mit anderen Kulturen stellt sich die erwünschte Multiperspektivität nicht ein. Sie zu erlangen, ist ein komplexes und schwieriges Unterfangen und erfordert umfangreiche Reflexionsleistungen und Erfahrungsprozesse. Wer sich trotz dieser Anstrengungen nicht abschrecken lässt, muss sich zu Beginn seines Wegs darüber vergewissern, was er selbst bisher unter „eigener Kultur“ verstanden hat bzw. welche Normen, Traditionen und Werte nach allgemeinem Verständnis in der „eigenen Kultur“ gelten. Mit diesem ersten Schritt, der Frage nach der „eigenen Kultur“, beschäftigt sich der vorliegende Text. Er fragt zunächst danach, was in Musikpädagogik und Musikwissenschaft unter „eigener Kultur“ verstanden wird [1] ; dazu werden vier häufig benannte Perspektiven auf „unsere eigene Kultur“ exemplarisch dargestellt und problematisiert.

Der Vergleich dieser vier Sichtarten verdeutlicht, dass es die „eigene Kultur“ in einem objektiven Sinn nicht gibt, obwohl dieser Begriff als generalisierender und kollektiver Terminus gebraucht wird. So liefert zum Beispiel die zur Zeit quer durch die Gesellschaft und dennoch so leidvoll und leidig geführte Debatte über die „deutsche Leitkultur“ den besten Beweis, dass es unmöglich ist, die eigene Kultur objektiv zu bestimmen. Dieser Befund geht konform mit einem aktuellen sozialwissenschaftlichen Verständnis, das „Kultur“ nicht als objektiv gegeben betrachtet, sondern als etwas, das immer auf intersubjektiver Verständigung beruht. Um also in einer Situation konkurrierender Deutungsmuster von „Kultur“ zu sinnvollen Folgerungen für die musikpädagogische Praxis zu kommen, ist es sinnvoll, einen solchen Begriff von Kultur zu Grunde zu legen, der der erstrebten Multiperspektivität Rechnung trägt. Mit seiner Hilfe lassen sich zwei wesentliche Konsequenzen für die Musikpädagogik und den Musikunterricht ableiten: 1. Schülerinnen und Schüler haben ein Recht darauf zu erfahren, was in der Gesellschaft, in der sie leben, unter „eigener Kultur“ als kollektiver Begriff in seiner diskursiven Praxis verstanden wird. 2. Da die Schülerinnen und Schüler gleichzeitig an dieser diskursiven Praxis teilnehmen und die bestehenden Praxen annehmen, ablehnen oder verändern können, müssen auch ihre „eigenen“ individuellen kulturellen Praxen im Unterricht thematisiert werden.

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