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Nach langem Schweigen: Zur Kritik an der Langzeitstudie
"Musikerziehung und ihre Wirkung" (2000) 1

 Hans Günther Bastian 

Prolog: Eine Rezension sollte ...
Die Studie in der Kritik
Zur Vorsicht im Umgang mit empirischen Forschungsbefunden
Musik und Intelligenz
Das angebliche Fehlen eines Mehrkontrollgruppendesigns
Forscher-Empathie in Modellklassen als effekte-produzierende Störvariable
Die in Rezensionen häufig vergessenen Ergebnisse
Der Weg bleibt das Ziel
Das Beispiel einer Kritik: Herbert Bruhn
Epilog
Gesamtbeitrag

Prolog: Eine Rezension sollte ...

MusikerziehungWer forscht und publiziert, der muss mit Kritik leben. Keine Frage! Sind Besprechungen formal und material schwach oder forschungsmethodisch wirklichkeitsfremd, dekuvriert sich der Rezensent selbst. Selbstverständlich muss eine Rezension immer autonom bleiben und sie muss - der Sache und des Erkenntnisfortschrittes wegen - immer kritisch sein. Im besten Fall sollte der „Gutachter“ ein Experte des Faches sein, einer der von empirischer Forschung etwas versteht und im Idealfall sogar selbst geforscht hat. Am Beispiel meiner Studie war ich schon überrascht, wer alles sich zu Wort meldete. Selten wohl ist eine Studie unseres Faches mit so extrem unterschiedlichem Echo aufgenommen worden, die Skala der Bewertungen reichte von totaler Euphorie, die gar von einer „Jahrhundertstudie“ sprechen ließ, bis hin zu barscher Kritik und Ablehnung. Bei so mancher „Besprechung“ konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als sei bereits eingetreten, was Christoph Rolle und Jürgen Vogt geradezu neo-apokalyptisch im Kontext der Frage nach wissenschaftlichem Nachwuchs im Fach beschreiben: „Wer ist eigentlich in Zukunft noch imstande, überlebenswichtige wissenschaftliche Arbeiten wie die ‚Bastian-Studie’ 2 durchzuführen? (...) Und, so müsste man noch ergänzen, wer ist eigentlich in Zukunft noch in der Lage, wissenschaftliche Arbeiten wie die „Bastian-Studie“ sachkundig zu diskutieren oder gar zu kritisieren?“ 3

Kritik ist kein leichtes Unterfangen, aber auf jeden Fall sollte sie das Gegenteil von Destruktion sein. Und Kritik setzt nicht nur fachliche Kompetenz, sondern mehr noch hohe Sensibilität für die Entscheidungen derer voraus, die sich über viele Jahre hinweg in ein Forschungsvorhaben investierten. Kritik bedeutet also in erster Stufe eine Sache in ihren innerlichsten Zusammenhängen sehen, sodann eine Sache aus ihrem eigenen Geist zu begreifen und darzustellen. Letztlich soll Kritik der Sache und ihrem Erkenntnisfortschritt dienen und nicht der Selbstdarstellung eines Rezensenten. Hier ist prinzipiell nicht der Ort, die Seriosität einiger Kritik(en) zu erörtern, es wäre im Übrigen ein mühsames und vielleicht nach Rechtfertigung heischendes Geschäft, das selbst bei besten Gegenargumenten nicht überzeugen würde. Sinn dieses Beitrages ist nicht persönliche Verteidigung, sondern reflexive Auseinandersetzung mit Reaktionen auf unsere Studie als Teil eines lebendigen Wissenschaftsbetriebes. Ein ernstzunehmender methodologischer Diskurs der Studie fehlt m.E. bis heute, lediglich der Beitrag von E. Vanecek geht in die richtige Richtung.

1 Hans Günther Bastian: Musikerziehung und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen, Mainz, Schott 2000. Unter Mitarbeit von Adam Kormann, Roland Hafen, Martin Koch; gefördert vom BMBF

2 Die nominelle Fixierung der Studie als „Bastian-Studie“ bedaure ich sehr, denn mit Adam Kormann, Roland Hafen und Martin Koch standen mir gleichermaßen engagierte Mitarbeiter zur Seite, die es nicht verdient haben, im Schatten eines Namens zu verblassen. Wir waren ein bestens eingespieltes Team, jeder einzelne hatte seine besonderen Aufgaben und damit auch seine spezifischen Verdienste an der Studie. Eigentlich hätten wir als Autorenkollektiv publizieren müssen, was aus verlegerischen Gründen nicht akzeptiert wurde.

3 J. Vogt/ Chr. Rolle: Von Wollmilchsäuen in Käfighaltung. Zum Problem des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Musikpädagogik, in: nmz, 6/2002, S.55.

4 E. Vanecek: Was vermehrt vermehrter Musikunterricht?, in: Diskussion: Musikpädagogik 12/2001, S. 28-35.

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