Der Echo Gegenlaut

Zum Umgang mit dem Fremden in der musikpädagogischen Diskussion
 Bernd Clausen
 Musik & Bildung 6/2000

Einführung
Das europäische China des Jahres 1867
In der Musikpädagogik
Anmerkungen
Gesamtbeitrag

Was Nutzen Meerfahrten bringt, ist zwar der Welt schon kund: Man führet so zu Uns, der fremden Länder Waaren Dem Nutzen folgt die Lust. Frag was vor Lust es gunnt? Der Echo Gegenlaut, antwortet dir: Erfahrung

Johann Jacob, 1672

In einem Textbuch aus dem England Charles II. ist Folgendes zu lesen:

"As the stage slowly darkens a dance is presented. Then a symphony is heard and the stage suddenly lights up, discovering a Chinese garden. The architecture, trees, plants, fruits, birds and animals are quite unlike those we know in our part of the world. There is a large arch through which can be seen other arches with close-trees and an arbour. Above a hanging garden rices in terraces surrounded by pleasant bowers, with a variety of trees and numerous strange birds circling about. From the topmost platform the water from a spurting fountain falls into a large pool. Enter Chinese women and men."

Circa sechs Minuten später

"… Six monkeys suddenly appear from behind the trees and dance."

Nachdem die Affen von einem Accelerando des Orchesters begleitet von der Bühne verschwunden sind, treten zwei Chinesinnen auf, den Einklang der Welt und den Triumph der Liebe preisend:

„Hark! Now all things with one sound rejoice, And the world seems to have one voice. Hark! The echoing air a triumph sings, And all around Cupids clap their wings.“

Eine perfekte Szenerie, die wir, obgleich wir sie jetzt nicht sehen, mit eigener Vorstellungskraft leicht entstehen lassen können. Es ist ein anmutiger Ort, in den die Worte über die wohlgeordnete Welt und die Liebe hinein zu gehören scheinen. Doch besteht dieser Ort aus einer etwas ungewohnten Umgebung oder genauer gesagt, einer exotischen Umgebung. Das nach unserem Empfinden exotische Moment stellt sich durch die Beschreibung des Bühnenbildes ein, einen chinesischen Garten, und nicht zuletzt durch das heute fast kurios wirkende Auftauchen von sechs Affen, die zu tanzen beginnen. 1692 fand unter großem Beifall des Londoner Publikums in Dorset Garden die Uraufführung dieses Werks, einer Opera in fünf Akten mit dem Titel "The Fairy Queen" statt. Die Musik komponierte der damals 33-jährige Henry Purcell. Dem unbekannten Textdichter gelang mit diesem fünften Akt eine interessante Zugabe zu der eigentlichen Vorlage, dem knapp hundert Jahre früher entstandenen "A Midsummer Nights Dream" von William Shakespeare. Der Blick in das Libretto offenbart aber, dass der Schreiber weit mehr an anderen Figuren interessiert zu sein scheint, als an den so genannten Hauptrollen, wie man sie aus der Shakespear’schen Vorlage kennt. Darüber hinaus verrät die Wahl des Titels für diese Oper, dass dem Textdichter sehr am feenhaften Moment des Midsummer Nights Dream gelegen ist. So sind es dann auch die Feen, die alle musikalischen Szenen der Fairy Queen einleiten. Der geschilderte Akt beginnt mit dem anbrechenden Morgen, der die verworrenen Ereignisse der vorangehenden Nacht klärt. Die Liebespaare haben sich (wieder-) gefunden und der zweifelnde Herzog muss von den Feen überzeugt werden, dass die nächtlichen Abenteuer tatsächlich stattgefunden haben. Da erscheint unter den Klängen einer Sinfonia Juno auf ihrem Wagen: „Thrice happy lovers, may you be for ever free from that tormenting devil, Jealousy.“

Damit ist quasi das Motto gesetzt, nämlich das jener Liebe, die frei sein soll von jedweder Eifersucht. An dieser Stelle nun führt der Dichter die zuvor zitierte chinesische Szene ein, die bis zum Ende der Oper bestehen bleibt, und der auftretende Chinese stellt fest: „Thus the gloomy world at first began to shine.“ Er vergleicht also den anbrechenden Morgen und die glücklich Verliebten mit dem ersten Morgen, den die göttliche Allmacht werden ließ. Dieses Damals, dieser Augenblick des ersten Tages wird als der glückliche Moment beschrieben, in dem es keine Maßlosigkeit, keinen Stolz und keinen Ehrgeiz gab. Was hier geschieht, kann zum einen als die aus der antiken Rhetorik und der mittelalterlichen Poetik bekannte Laudatio temporis acti interpretiert werden, zum anderen als der Locus amoenus oder das Paradies vor dem Essen des Apfels vom Baum der Erkenntnis. Warum aber wählt der unbekannte Textdichter für das Finale dieser Oper ein chinesisches oder chinoisierendes Ambiente? Darauf scheint es auf den ersten Blick eine ganz einfache Antwort zu geben, die sich im Zeitgeschmack begründet findet: Die Vorliebe für exotische Beigaben, die den Zuschauer bezaubern, da sie ihn in ein fremdes Land entführen (und deshalb dem Theaterbetreiber ein volles Haus garantieren).

Das Wissen um dieses ferne Land, von Marco Polo „Kathay“ genannt und etwa ab dem 16. Jahrhundert als „Sina“ bezeichnet, garantierten Missionsberichte sowie die Berichte politisch motivierter Gesandtschaften. Die Beschreibungen riefen Staunen hervor, weil das Geschilderte so gar kein Pendant in der Lebenswelt des Europäers hatte. Hervorragend geeignet also für die Bühne! Und der Librettist scheint eine genaue Vorstellung davon zu besitzen, wie ein Bühnenbild, das einen chinesischen Garten darstellen soll, auszusehen hat: Die Tiere, Pflanzen und die Architektur sehen anders aus, als wir es aus unserer Umgebung gewohnt sind. Darüber hinaus ist "Fairy Queen" von seiner Anlage her schon ein verzaubertes Stück, die Geschichte durchwoben von magischen Elementen, Göttern, Elfen und dem geheimen Zauber der Nacht. Da reiht sich die Apotheose des letzten Akts, gesetzt in einen chinesischen Garten, hervorragend ein. Anders fomuliert: Mit dem chinesischen Garten im letzten Akt der Fairy Queen setzt sich das Magische, Zauberhafte fort in einer Art von Transformation des Zauberhaften in den Bereich des Exotischen. Denn das Ferne, das nicht Erfahrene, das nicht selbst Be-Griffene gehört in die Sphäre des Fantastischen. Und das ist das Thema der "Fairy Queen".

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