Geschichte der Singklassen-Bewegung
Die Geburtsstunde der ,Singklassen‘-Idee geht in Deutschland ins Jahr 1996 zurück. Ralf Schnitzer, Musiklehrer am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Eppelheim, begann mit seiner Schule einen Choraustausch mit dem Choral Department an der Lake Braddock High School in Virginia/USA. Seine Chorgruppe staunte nicht schlecht ob der musikalischen Qualität ihrer amerikanischen Freunde – eine Qualität, die wir aus unseren Hochschulen kennen, die aber in der Schule als unerreichbar galt.
Nun war das Eppelheimer Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium damals keineswegs musikalisch adäquater Austauschpartner für eine derart musikalisch ambitionierte amerikanischen Schule: Fünf Wochenstunden Chorklasse für die amerikanischen Schüler und dies als zentrales Hauptfach, dazu der amerika-typische Wettbewerbsgedanke – das waren Argumente gegen die eigenen Möglichkeiten...
Ralf Schnitzer kapitulierte nicht vor den Systemzwängen und suchte Möglichkeiten, Ensemblesingen und mit ihm das gesamte Unterrichtsfach Musik an seiner Schule neu zu definieren. Kaum aus den USA zurück, begannen seine ersten Experimente in der Unterstufe. Stimmbildung hieß das zentrale Wort, und dies in jeder Stunde als konsequentes Lern- und Übeprogramm. Und es dauerte nicht lange, da entstand aus dem ersten belustigten Durcheinander eine konzentrierte, gemeinsame Arbeitsatmosphäre. Alle machten mit, gerne sogar, und auch die vordem größten Spaßmacher zogen mit – und wurden teils führende Stimmen. Das war die verblüffende Erfahrung: Konsequentes stimmbildnerisches Arbeiten, im Zuge dessen alle Schüler Fortschritte an sich und ihrer Leistung erkennen, motivierte alle ausnahmslos für das Fach Musik.
Das sprach sich herum, und bald wollten auch parallele Klassen an dem Experiment teilhaben. Im folgenden Schuljahr 1997/98 war es dann soweit: Der Musikunterricht zweier Parallelklassen wurde zeitlich zusammengelegt und in zwei Gruppen unterteilt. Eine davon erhielt ganz normalen Musikunterricht, die andere wurde zu einer – wie es damals noch hieß – ,Gesangsklasse‘ zusammengefügt.
Ein gutes halbes Jahr arbeitete diese Klasse bis zu ihrem ersten Auftritt. Was dann erklang, war neu und für die Ohren der Hörer unglaublich. Ein Programm zwischen Spiritual, Popsong und Casalsschem Marienlied – so etwas gab es von einer Unterstufenklasse in dieser weit über dem Schulniveau liegenden Qualität bislang nicht!
Erfolg tut gut, und plötzlich wollten alle ,Gesangsklassen‘-Schüler sein: Auch für den nächstfolgenden Jahrgang wurde der Musikunterricht zusammen gelegt. Als die ersten dieser Kinder die Mittelstufe erreichten, erhielten sie auf ihren eigenen Wunsch in der ,Gesangsklasse‘ zwei statt nur einer Wochenstunde Unterricht. Daneben sangen sie in den Schulchören, die natürlich von der stimmbildnerischen Vorarbeit im Unterricht enorm profitierten, und plötzlich hatten diese Schüler annähernd soviel Musikunterricht wie ihre Freunde in den USA.
Mit dem offensichtlichen Erfolg dieses Modells wurde die Öffentlichkeit auf die jungen Sänger aufmerksam: Es folgten gemeinsame Projekte u.a. mit umliegenden Theatern, großen Oratorienchören und der Mannheimer Musikhochschule. Auch die Kultusbehörde beobachtete das Geschehen aufmerksam und wohlwollend. ,Gesangsklassen‘ wurden zum Modellprojekt des Landes Baden-Württemberg und ab 2004 wurde das Dietrich-Bonhoeffer-Gymansium Eppelheim zu einem der wenigen Musikgymnasien im Land; als drittes Profilangebot neben den Sprachen und Naturwissenschaften kam nun auch die Musik als Schwerpunktfach hinzu.
Inzwischen unterrichtet in Eppelheim ein Fachlehrerteam nach der von Ralf Schnitzer entwickelten Methode. Die gemeinsame Arbeit, ihre Ergebnisse und die stetige fachliche Diskussion sind und bleiben Anreiz, die Idee ,Gesangs‘- oder ,Sing‘-klasse nicht nur ins Leben gerufen zu haben, sondern weiterzutragen und voranzubringen – und mit ihr die Musik als Bildungsgut überhaupt.


