Singeklassen und Schulorganisation
Wie fange ich‘s an?
Diese Frage wird häufig gestellt. Bezieht sie sich auf Inhalte und Vorgehensweisen, so ist sicherlich das ,Singen ist klasse‘-Buch der ideale Ratgeber. Bezieht sich aber die Frage auf die Organisation im Stunden-, Deputats- und Raumplan, mögen hier einige Tipps und Hinweise helfen, die aus den Erfahrungen der Ursprungsschule der ,Singeklassen‘, dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Eppelheim, entstanden sind.
Wie fange ich‘s an? Die Antwort ist einfach: Im Unterricht, unmittelbar, mit der Klasse. Jeder Schüler kann singen lernen, jeder bringt ein veritables Maß an Musikalität mit – dieses zu wecken ist ohnehin musikpädagogischer Kernauftrag. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Experiment ,Singeklasse‘ aus der unmittelbaren Unterrichtspraxis heraus gelingt und ,Schule‘ macht, ist größer als die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schulleiter zuvor soundsoviele strukturelle Vorleistungen zugesteht. Dringendste Empfehlung: Je früher, desto besser. Wenn der Unterricht ankommt, die Schüler zuhause begeistert weitersingen und vielleicht sogar stolz auf erste kleine Präsentationen in der Schulöffentlichkeit sein können, ist mehr getan, als wenn Musiklehrer beim Schul- oder Fachleiter Überzeugungsarbeit leisten müssen.
In Eppelheim wurden und werden bis heute alle Schüler der fünften Klassen nach Ralf Schnitzers Konzept unterrichtet oder besser: grundmusikalisiert. Erst nach der fünften Klasse können sie sich für oder gegen die ,Singeklasse‘ entscheiden. Musikunterricht wird dann in der jeweiligen Klassenstufe parallel gelegt. Gibt es pro Jahrgang zwei oder vier Klassen, kann der Unterricht mindestens paarweise parallel stattfinden. In Eppelheim waren es meist drei gleichzeitig laufende Klassen pro Jahrgang, eine große ,Singeklasse‘ und zwei weitere. Auch in diesen anderen Lerngruppen lassen sich natürlich von der Praxis ausgehende Schwerpunkte, wie etwa Streicher-, Rhythmik- oder sogar Kompositions-Konzepte. anlegen. Im Zuge der Ganztagesausdehnung des Stundenplanes eröffnen sich außerdem flexiblere Lösungen als bislang im gedrängten Vormittagsunterricht. Die Schüler entscheiden selbständig – nach ihren Erfahrungen in der fünften Klasse und evtl. dem Lehrerrat folgend – über ihre Teilnahme an der ,Singeklasse‘.
Ein Umstieg ist in Eppelheim in beide Richtungen möglich. Diese Möglichkeit nehmen jedoch meistens diejenigen Kinder in Anspruch, die in die ,Singeklasse‘ hineinwollen; Ausstiege sind sehr selten. Wichtig ist aber immer die Einvernehmlichkeit zwischen gebendem und aufnehmendem Lehrer. Die Schüler sollen sich nicht in eine Gruppe hineingezwungen fühlen, sie sollen gerne kommen und auch im Vorfeld der Stunde schon wissen, was sie im Musikunterricht erwartet. Schon allein dies hat in Eppelheim die Haltung zum Singen nachhaltig verändert.
Die positiven Erfahrungen in der Unterstufe bis weit über die Schule hinaus, aber auch die konstruktive Arbeitshaltung der Schüler haben vor einigen Jahren zu einer Unterschriftenaktion einer ,Singeklasse‘ der Klassenstufe 7 geführt. Die Schüler beantragten – und erhielten – von der Schulleitung eine zusätzliche Wochenstunde Musik. Auf diese Weise hatte eine Singklasse in der Klassenstufe 8 erstmals zwei Wochenstunden Musik, und den Schülern machte die Arbeit weiterhin soviel Freude, dass sie die Doppelstunde Musik auch im darauf folgenden Jahr behalten wollten. Diese Schüler-Initiative fand schnell Nachahmer, denn auch der nachfolgende Jahrgang wollte auf dieses ,Privileg‘ des zusätzlichen Musikunterrichts nicht verzichten. Der Einsatz der Schüler führte also nach und nach dazu, dass ,Singeklassen‘ am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium Eppelheim inzwischen bis zur 11. Klasse (in G9) zwei Wochenstunden zur Verfügung haben.
Inzwischen besitzt das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium ein Musikprofil mit verstärktem Musikunterricht ab Klasse 5 und der Möglichkeit, ab Klasse 8 Musik als Kernfach zu wählen. Dieses Profil ist die unmittelbare Folge der ,Singeklassen‘-Entwicklung. Alle hier genannten Hinweise und organisatorischen Gegebenheiten beziehen sich auf die Schulsituation bis zur Einführung des Musikprofils, letzteres ist jedoch nicht Bedingung für den erfolgreichen Aufbau von ,Singeklassen‘.
